Noch immer hält sich die Annahme, Wärmepumpen seien ausschließlich für Neubauten mit Fußbodenheizung konzipiert. Die Realität sieht anders aus: Repräsentative Erhebungen und Langzeit-Feldtests widerlegen dieses Vorurteil eindeutig. Knapp 90% der Bestandsgebäude-Besitzer, die auf eine Wärmepumpe umgestiegen sind, bewerten ihre Entscheidung positiv. Moderne Hochtemperatur-Geräte erreichen Vorlauftemperaturen bis 75 °C und versorgen damit auch Häuser mit konventionellen Heizkörpern zuverlässig. Dieser Leitfaden zeigt Ihnen, unter welchen Bedingungen die Nachrüstung gelingt, welche Kosten entstehen und welche Erfahrungswerte vorliegen.
Auf einen Blick
- Aktuelle Hochtemperatur-Wärmepumpen liefern 65–75 °C Vorlauftemperatur – ausreichend auch für ältere Heizkörper
- Fraunhofer-Feldtest: Durchschnittliche JAZ von 3,4 in Bestandsgebäuden – auch ohne umfassende Sanierung
- 55% der Umsteiger benötigten keinerlei größere Baumaßnahmen vor der Installation
- Civey-Umfrage (03/2025, n = 1.500): 90% Zufriedenheit unter Eigenheimbesitzern mit Wärmepumpe
- Bei voller Ausschöpfung der KfW-Förderung (bis 70%) liegt der Eigenanteil oft zwischen 5.000 und 12.000 €
- Der hydraulische Abgleich ist gesetzlich vorgeschrieben und steigert die Effizienz erheblich
Warum das Vorurteil nicht mehr zutrifft
Die Skepsis gegenüber Wärmepumpen im Altbau stammt aus einer Zeit, als die Geräte maximal 55 °C Vorlauftemperatur erreichten. Für unsanierte Gebäude mit großflächigen Guss-Radiatoren war das tatsächlich zu wenig. Seitdem hat sich die Technik grundlegend weiterentwickelt.
Heutige Geräte mit dem natürlichen Kältemittel R290 (Propan) liefern problemlos 65–75 °C – ausreichend selbst für Häuser, deren bisherige Heizung mit 70 °C Vorlauf betrieben wurde. Parallel dazu haben sich die Effizienzwerte verbessert: Selbst bei hohen Vorlauftemperaturen erzielen moderne Anlagen noch JAZ-Werte von 2,8–3,5.
“Die Fraunhofer-Langzeitmessungen belegen: Wärmepumpen in Bestandsgebäuden erreichen im Mittel eine Jahresarbeitszahl von 3,4 – auch ohne vorherige Komplettsanierung. Die Behauptung, Altbauten seien für Wärmepumpen ungeeignet, ist wissenschaftlich nicht haltbar.”
— Fraunhofer ISE Feldtest, 2024
Was muss Ihr Gebäude mitbringen?
1. Heizlast und energetischer Zustand
Die Heizlast gibt an, welche Wärmeleistung bei der niedrigsten zu erwartenden Außentemperatur (Auslegungstemperatur, in Nordrhein-Westfalen ca. –12 °C) benötigt wird. Je besser die Gebäudedämmung, desto geringer die Heizlast – und desto effizienter arbeitet die Wärmepumpe.
Eine normgerechte Heizlastberechnung nach DIN EN 12831 bildet das Fundament jeder Wärmepumpen-Planung. Die folgende Übersicht ermöglicht eine erste Einordnung:
| Baualter | Heizlast (ca.) | Heizwärmebedarf | Eignung für Wärmepumpe |
|---|---|---|---|
| Vor 1970, unsaniert | 95–120 W/m² | 150–200 kWh/m²a | Mit Hochtemperatur-Gerät oder nach Teilsanierung |
| 1970–1990 | 70–95 W/m² | 100–150 kWh/m²a | Gut geeignet, vereinzelt Heizkörpertausch sinnvoll |
| 1990–2005 | 50–70 W/m² | 70–100 kWh/m²a | Sehr gut geeignet |
| Ab 2005 (EnEV/GEG) | 40–55 W/m² | 50–70 kWh/m²a | Ideal geeignet |
Beachten Sie: Viele ältere Häuser wurden über die Jahrzehnte schrittweise modernisiert – neue Fenster, Dach- oder Kellerdeckendämmung. Ein 1965 errichtetes Haus kann nach Teilsanierung bessere Werte aufweisen als ein unsaniertes Gebäude aus den 1980er Jahren.
Praxistest: Stellen Sie an einem kalten Wintertag (unter 0 °C) die Vorlauftemperatur Ihrer bestehenden Heizung auf maximal 55 °C. Werden alle Räume nach einigen Stunden ausreichend warm, ist Ihr Gebäude in der Regel für eine Standard-Wärmepumpe geeignet. Die Mehrzahl der Altbauten besteht diesen Test.
2. Heizkörper: Reicht die vorhandene Fläche?
Ein weit verbreiteter Irrtum: Wärmepumpen funktionieren nur mit Fußbodenheizung. Richtig ist: Sie benötigen ausreichend Heizfläche. Relevant ist, ob die vorhandenen Radiatoren bei reduzierter Vorlauftemperatur genug Wärme abgeben.
Wird die Vorlauftemperatur beispielsweise von 70 auf 55 °C gesenkt, reduziert sich die Wärmeleistung eines Heizkörpers um 30–40%. Das klingt viel, wird in der Praxis aber häufig durch zwei Faktoren kompensiert: Erstens wurden Heizkörper in vielen Altbauten mit Leistungsreserven von 20–30% eingebaut. Zweitens hat sich der Wärmebedarf durch nachträgliche Dämmmaßnahmen oft deutlich verringert.
3. Hydraulischer Abgleich – Pflicht und Effizienzgewinn
Bei der Nachrüstung einer Wärmepumpe ist der hydraulische Abgleich gesetzlich vorgeschrieben (GEG §72) und zugleich Fördervoraussetzung. Dabei wird die Durchflussmenge an jedem Heizkörper so justiert, dass sämtliche Räume gleichmäßig versorgt werden.
Ohne Abgleich erhalten Heizkörper nahe der Umwälzpumpe zu viel Heizwasser, entfernte zu wenig. Das typische Resultat: Einzelne Räume überhitzen, andere bleiben kühl. Um dies auszugleichen, wird häufig die Vorlauftemperatur erhöht – was die Effizienz der Wärmepumpe empfindlich senkt. Die Kosten für den Abgleich betragen 650–1.000 € bei einem Einfamilienhaus.
4. Stromanschluss
Wärmepumpen benötigen in der Regel einen Drehstrom-Anschluss (400 V, dreiphasig). In vielen Bestandsgebäuden ist dieser bereits vorhanden, beispielsweise für den Elektroherd. Falls nicht, erweitert ein Elektriker den Hausanschluss – die Kosten dafür liegen je nach Aufwand bei 500–1.500 €.
Was kostet die Nachrüstung im Bestandsbau?
Die Investition für eine Wärmepumpe im Altbau fällt tendenziell etwas höher aus als im Neubau, da Anpassungen am bestehenden System erforderlich sein können. Die großzügige Förderung gleicht diese Mehrkosten jedoch deutlich mehr als aus.
| Position | Kostenrahmen | Hinweis |
|---|---|---|
| Wärmepumpe + Installation | 15.000–35.000 € | Abhängig von Typ und Leistungsklasse |
| Hydraulischer Abgleich | 650–1.000 € | Pflicht, förderfähig |
| Heizkörpertausch (2–4 Stück) | 1.000–3.000 € | Nur falls erforderlich |
| Drehstrom-Anschluss | 500–1.500 € | Falls noch nicht vorhanden |
| Demontage Altanlage | 500–1.500 € | Öltankentsorgung separat |
| Gesamtinvestition brutto | 18.000–42.000 € | Typischer Bereich: 25.000–35.000 € |
| Eigenanteil nach 70% Förderung | 5.400–12.600 € |
Was berichten Altbau-Umsteiger?
Aussagekräftiger als theoretische Berechnungen sind die Erfahrungen derjenigen, die den Schritt bereits vollzogen haben. Eine repräsentative Civey-Umfrage vom März 2025 unter mehr als 1.500 Eigenheimbesitzern mit Wärmepumpe liefert belastbare Ergebnisse.
- Knapp 90% bewerten ihre Wärmepumpe als zufriedenstellend bis sehr zufriedenstellend
- Über 80% würden die Technologie im Bekanntenkreis weiterempfehlen
- 77% bestätigen, dass sich die Anschaffung finanziell gelohnt hat
- 55% mussten vor der Installation keine größeren Umbaumaßnahmen durchführen
Besonders aufschlussreich ist der letzte Punkt: Mehr als die Hälfte aller Umsteiger konnte die Anlage ohne umfangreiche Vorarbeiten in Betrieb nehmen. Die häufig geäußerte Sorge, das gesamte Haus müsse erst saniert werden, bestätigt sich in der Praxis nicht.
Typische Anfangsschwierigkeiten und deren Lösung
Die Eingewöhnungsphase verläuft nicht immer reibungslos. Folgende Punkte werden von Nutzern am häufigsten genannt:
- Geräuschentwicklung: Manche Außengeräte sind lauter als erwartet. Abhilfe schaffen Schallschutzhauben, ein optimierter Aufstellort oder die Variante der Innenaufstellung.
- Heizkurve nicht optimal: Räume werden ungleichmäßig warm oder es wird zu viel Energie verbraucht. Lösung: Im ersten Winter die Heizkurve gemeinsam mit dem Installateur feinjustieren.
- Warmwassertemperatur zu niedrig: Einzelne Anlagen liefern anfangs nur 48–50 °C. Abhilfe: Legionellenschaltung aktivieren oder Hochtemperatur-Modus wählen.
- Erhöhter Stromverbrauch in der ersten Saison: 10–20% über dem Erwartungswert. Ursache ist meist eine suboptimale Reglereinstellung – nach Nachjustierung normalisieren sich die Werte.
Planen Sie für die erste Heizperiode einen Nachoptimierungs-Termin mit Ihrem Installateur ein. Viele Fachbetriebe bieten diesen Service an – nutzen Sie ihn, um das volle Effizienzpotenzial Ihrer Anlage auszuschöpfen.
Wann lohnt sich eine begleitende Teilsanierung?
Auch wenn die Wärmepumpe im Bestand grundsätzlich funktioniert, kann eine gezielte Teilsanierung die Betriebseffizienz spürbar verbessern. Die folgenden Maßnahmen bieten das beste Verhältnis von Aufwand und Wirkung.
Die wirkungsvollsten Maßnahmen nach Kosten-Nutzen
- Kellerdeckendämmung (200–400 €/10 m², auch in Eigenleistung): Reduziert Wärmeverluste nach unten um 50–70%. Schnellste Amortisation aller Maßnahmen.
- Dachbodendämmung (30–60 €/m²): Besonders effektiv bei unbeheiztem Dachgeschoss. Nach GEG bei Eigentümerwechsel oft Pflicht.
- Fenstertausch (400–800 €/Fenster): Einfachverglasung oder undichte Rahmen verursachen erhebliche Wärmeverluste.
- Gezielte Heizkörpervergrößerung (200–500 €/Stück): Nur in Räumen erforderlich, die bei reduzierter Vorlauftemperatur nicht ausreichend warm werden.
- Rollladenkästen dämmen (50–100 €/Stück, Eigenleistung möglich): Häufig unterschätzte Schwachstelle im Wärmeschutz.
Eine Komplettsanierung der Gebäudehülle ist kostspielig und in vielen Fällen nicht notwendig. Gezielte Eingriffe an den größten Schwachstellen genügen oft, um die Heizlast um 20–30% zu senken und die Vorlauftemperatur entsprechend zu reduzieren.
Praxisbeispiel: Einfamilienhaus Baujahr 1978, 150 m²
Ausgangssituation: Freistehendes Einfamilienhaus, nach 1978 erbaut, 150 m² Wohnfläche. Fenster und Dach wurden nachträglich modernisiert. Die alte Ölheizung verbrauchte circa 2.500 Liter pro Jahr.
| Kennwert | Ölheizung (vorher) | Wärmepumpe (nachher) |
|---|---|---|
| Energiekosten pro Jahr | 2.500 € (Heizöl) + 400 € CO₂-Abgabe | ca. 1.400 € (Strom) |
| Wartungskosten pro Jahr | 250 € | 200 € |
| Gesamtkosten pro Jahr | ca. 3.150 € | ca. 1.600 € |
| Jährliche Ersparnis | – | ca. 1.550 € |
Die Investition betrug 28.000 € brutto. Nach Abzug der 70%-Förderung (Klimabonus wegen Öl-Austausch) verblieben 8.400 € Eigenanteil. Bei einer jährlichen Ersparnis von 1.550 € ist die Anlage nach rund 5,5 Jahren amortisiert. Die verbleibende Nutzungsdauer von 15 und mehr Jahren bringt reinen Kostengewinn.
Fazit: Der Altbau ist kein Hindernis
Die Phase, in der Wärmepumpen nur im Neubau wirtschaftlich betrieben werden konnten, ist abgeschlossen. Hochtemperatur-Geräte der aktuellen Generation liefern Vorlauftemperaturen bis 75 °C und funktionieren auch in Bestandsgebäuden zuverlässig. Die Fraunhofer-Messreihen bestätigen: Eine JAZ von 3,4 ist im Altbau der Durchschnitt, nicht die Ausnahme.
In Verbindung mit der KfW-Förderung von bis zu 70% und der stetig wachsenden Kostenbelastung durch fossile Brennstoffe war der Zeitpunkt für einen Heizungswechsel selten so günstig. 90% Zufriedenheit unter den bisherigen Umsteigern unterstreichen dies. Entscheidend für den Erfolg sind eine sorgfältige Planung, der hydraulische Abgleich und eine fachgerechte Montage durch einen erfahrenen Betrieb.

Geschrieben von
Stefan RiedelmannEnergieberater & Wärmepumpen-Experte • über 15 Jahre Erfahrung
Zertifizierter Energieberater mit über 15 Jahren Erfahrung in der Wärmepumpen-Branche. Spezialist für Bestandsgebäude und Fördermitteloptimierung.



